Reiselieger

Liegeräder verteilen das Körpergewicht auf eine große Sitzfläche. Die Kopfhaltung ist aufrecht, wie auf dem Sofa mit Panorama-Blick. Die geringere Stirnfläche und die Vorzüge des Bodeneffekts lassen es in der Regel leichter bewegen, als ein Aufrechtrad. Das sind Vorzüge, die Liegeräder, bei aller Diversität der Radgattung, dazu prädestinieren sie zum Reisen und Touren fahren zu nutzen.

Andererseits sprechen einige Eigenschaften von Liegerädern gegen die Nutzung in der Stadt, jedenfalls im Vergleich zum Aufrechtrad:

  • geringe Blickhöhe: schlechte Übersicht und passive Sichtbarkeit
  • spätere Einsicht in Kreuzungen
  • träges Anfahren, wegen fehlender Wiegetritt-Möglichkeit
  • schwerere, sperrigere Konstruktionen: komplizierte Mitnahme im ÖPNV
  • mäßige Geländegängigkeit (Überfahren von Bordsteinkanten, Pflaster)
  • verschwitzter Rücken wegen großer Sitzkontaktfläche

Einige dieser generellen Nachteile lassen sich technisch abmildern oder gar zufriedenstellend lösen (E-Antrieb, atmungsaktive Sitze, Federung, Bauform des Liegerades), sodass diese grobe Einschätzung mit Vorsicht genossen werden muss. Dennoch gilt im Allgemeinen, dass die Fahrradgattung Liegerad sich wunderbar zum Reisen eignet. Das hier vorgestellte Liegeradkonzept ist speziell auf diese Vorzüge und Einsatzbereiche ausgelegt. Zusätzlich wurde auf eine einfache Rahmenkonstruktion Wert gelegt.

Eckpunkte des Konzepts

  1. Langliegerad
    • überschlagsicher wegen langem Radstand
    • auch für kleine Personen sind tiefe Sitze UND mittlere bis tiefe Tretlager realisierbar
    • einfache Kettenführung
    • ohne Federung ausreichend bequem
    • guter Geradeauslauf
  2. mittlere Sitzlehnenneigung
    • nicht zu steil, damit das Gewicht nicht nur auf der Gesäßmuskulatur lastet („recumbent butt“)
    • nicht zu flach, damit die Halswirbelsäule nicht zu stark gekrümmt werden muss und die Hals- und Nackenmuskulatur nicht überlastet wird
    • 35 – 45°
  3. Tretlagerüberhöhung
    • ein tiefes Tretlager ist zwar für Ungeübte Liegeradfahrer*innen subjektiv angenehmer und eher mit der natürlichen Ausrichtung der Beine vergleichbar, hat aber einen ergonomischen Schönheitsfehler: Um beim Pedalieren auch die Gesäß- und Oberschenkelbeuger-Muskulatur nutzen zu können, müssen die Beine in der Zug- und Hub-Phase streckbar bleiben können. Hier stört die vordere Sitzkante, falls das Tretlager zu tief sitzt. Das ist wichtig für einen Knie-schonenden Bewegungsablauf.
  4. Einrohrrahmen
    • einfacher Bau
    • klare Form
  5. geringe Sitzhöhe
    • ca 45 cm
    • resultiert aus linearem, Knick-freiem Einrohrrahmen
    • förderlich für die aerodynamischen Eigenschaften (bei geringen bis mittleren Reisegeschwindigkeiten weniger relvant; die Sichtbarkeit und Übersicht im Verkehrsgeschehen leidet)
  6. Verstellbare Tretlagerschelle
    • Die Längeneinstellung und Größenanpassung erfolgt mit drei Rahmengrößen mit insgesamt 40 cm Verstellweg (1,5 – 2,0 m Körpergröße)
    • Der Sitz hat eine fixe Position, damit immer die optimale relative Position zum Unten-Lenker eingehalten werden kann.
    • Ein Kettenspanner ermöglicht ein schnelles Verstellen.
  7. keine Federung
    • eine Federung ist bei Liegerädern – aus guten Gründen – heute fast immer Standard. Ungefederte Liegeräder müssen zumindest über Ballonreifen (mit geringem Reifendruck) verfügen
    • Das Hinterrad ist relativ groß: 26″ (bei Liegerädern sind 20″-Räder sehr verbreitet)
    • Auch der lange Radstand ist dem Federungskomfort zuträglich.
    • Trotzdem dürfte der Federungskomfort nur bis mittlere Geschwindigkeiten (20 km/h) ausreichend sein. Das ist für ausdauerndes, langsames aber beständiges Radreisen aber kein Problem. Der unkomplizierte Rahmenaufbau ohne Federmechanik ist ein weiteres Kriterium.
  8. Untenlenkung
    • Sicherheit bei Unfällen (kein Rohr zwischen den Beinen)
    • bequeme, intuitive Armhaltung (aber: größere Stirnfläche)
  9. kein Motor
    • Beim Radreisen und Touren Fahren ist im Gegensatz zum Pendeln, der Weg das Ziel. Geschwindigkeit dürfte eine untergeordnete Rolle spielen.
    • Unabhängigkeit von Steckdosen, geringeres Gewicht und eine geringere Fehleranfälligkeit sind wichtiger.

Skizze des Prototypen (Januar 2019): Reiselieger_Skizzen20190111.pdf