Sensenstiel und Ergonomie

Sensenstiel und Ergonomie

Effektives Handmähen bedarf einerseits die Beachtung funktionaler Faktoren. Andererseits muss das Werkzeug auf die menschlichen Erfordernisse in Bewegungsweise, Antrieb und Dimensionierung angepasst sein. Die Formgebung des Sensenstiels spiegelt diese ergonomischen Erfordernisse und Möglichkeiten wieder.

Klassifizierung der Sensenstiele

Hier kommt der Vorschlag einer grundlegenden, groben Einteilung und Klassifizierung von Sensenstielen – verdeutlicht anhand der Grundmodi der Einstellsense.

Übersicht der Grundformen: o.l. klassische Sense; o.r. Y-Sense; u.l. Stabsense; u.r. Armstützsense
  1. Stabsense: linearer Sensenholm, gezogener Untergriff
    auch „russische Sense“ oder „türkische Sense“ genannt

  2. Krücksensen
    Krücksensen sind Sensenstiele mit Griffstütze(n). Ziel der Griffstütze ist vornehmlich die Angleichung der Griffhöhen aus ergonomischen Gründen (kein Bücken, Überstrecken/ Arm-Anwinkeln). Dieser Effekt kann auch durch einen S-förmig geschwungenem Sensenstiel erzielt werden. In der Praxis gibt es häufig Kombinationen aus beidem. S-förmige Sensenstiele haben eine besonders günstige Massenverteilung. Krücke, Griffstütze oder Griffstrebe sind Synonyme.

    1. „klassische Handsense“: +/- vertikale Griffstütze, fast immer am Untergriff, meist geschobene Griffe; zahlreiche Unterformen

    2. Armstützsense: schräge Griffstütze am Obergriff (ggf. zusätzliche Griffstütze am Untergriff), gezogene Griffe, auch „skandinavische Sense“ genannt

    3. Y-Sense“: +/- horizontale, lange Griffstütze am Untergriff; relativ kurzer Y-förmiger Sensenstiel, auch „schottische Sense“ genannt


Eigenschaften der Sensenstielformen

Unterschiede in der Bauform von Sensenstielen drücken sich auch in unterschiedlichen Bewegungsmustern und Antriebsweisen aus. Vor und Nachteile, Eigenheiten und technische Merkmale werden im Folgenden dargestellt.

1) Stabsensen

  • linearer Sensentiel ohne Griffstützen: gezogener Untergriff direkt am Sensenstiel befestigt

  • kein eigentlicher Obergriff, stattdessen direktes Greifen um den Sensenholm:

    • geknickter Arm am Obergriff, um Höhendifferenz auszugleichen: deswegen relativ körpernahe Stiellage

    • breites Greifen: mindestens Körperhöhe
      traditionelle Stabsensen aus dem türkischen Raum dürften >2,3 m Länge aufweisen: günstige Schwungmasseneffekte

  • Winkel am Sensenblatt:

    • Hammenwinkel ß: ca. 40 bis 50°

  • Bewegungsweise

    • Pendeleffekt um den Untergriff mit Schwungmasse aus verlängertem Sensenholm, Schwerpunkt am Untergriff ==> Abrundung der Mähbewegung, saubere Zirkelbewegung, kein „tangentiales Verreißen/ Ausweichen“ am Schnitthiebende

    • günstige (Schwung-)Massenverteilung in Bezug zum Kraftansatzpunkt des Untergriffs: geringe Neigung zum „Verkanten/ in-Boden-Stechen“, anfängerfreundliche Handhabung

    • weite, 180° Mähhiebe mit betonter radialer Bewegungskomponente, da lineare Bewegungskomponente durch geknickten Arm am Obergriff erschwert wird

    • Antrieb aus Armbewegung (Drehung um den Untergriff) + aus Rumpf/ Beine

    • „Anschlag“ am Ende der Mähbewegung am oberen, um den Sensenholm greifenden Arm: „Muskelfedereffekt“ für Rückschwung

 

2) klassische Sensen

  • klassischer Sensenstiel mit zahlreichen regionalen Variationen als Unterformen, z.B. „Berner Form“ mit Optimierung der Schwerpunktlage

  • Hammenwinkel ß: ca. 30° (bzw. ca. 40° ==> Krücke am Obergriff)

3) Armstützsensen

Sensenstielende auf Unterarm als Lagerpunkt reduziert Halte-/ Fingerkräfte bzw. Drehmomente in Handgelenken; Steuerung und Bodendruck über „Kräftedreieck“: Zug bzw. Druck mit lockeren Händen um Auflagepunkt am Sensenstiel; Kräftigere Schnitthiebe sind möglich bei geringerer Belastung der Fingergelenke, -bänder und Handgelenke! Mein „Arbeitstier“ im professionellen Mähen!

  • Bewegungsablauf ähnelt der Stabsense mit dominanter Kreisbewegungskomponente

  • etwas längerer Sensenholm notwendig (ca. Körperhöhe) wegen Armauflage + Polstern des Unterarms zu empfehlen (langärmliche Kleidung oder umgewickeltes Tuch, etc. damit Druck und Reibung nicht zu Reizungen führen)

  • Hammenwinkel ß: ca. 40°

4) Y-Sense

  • seltene Spezialform mit besonderen Eigenschaften, z.B. gut geeignet zum Ausmähen in beengten Bedingungen, da sehr kompakt/ flach (unter Bäumen…)

  • „Bodendruck“ (Anpressdruck als Gegenkraft zu Fliehkräften der Kreisbewegung) ganz über Griffe aufzubauen, statt auch über Hebelwirkung zwischen den Griffen: Mehrbelastung der Handgelenke, daher gut für hohe Schnitthöhen und „fliegendes Mähen“ bei Schröpfschnitten

  • symmetrische Drehung mit Sensenblatt vor der Mäher*in in Neutrallage (Blick in Richtung der Mähbahn)
    ==> Mensch muss sich zum Mähen nach beiden Seiten verdrehen, was körperschonender ist, als wenn das Sensenblatt, wie bei normalen Sensenstielen, ganz auf einer Seite liegt und nur zur anderen Seite verdreht werden muss!

  • „Y-Sense“ oder „schottische Sense“

  • Hammenwinkel ß: ca. 40°

 

Anmerkung zu den Bildern:
Aus Gründen der Vergleichbarkeit wurde bei allen Grundformen eine unnötig lange (außer bei der Y-Sense) Griffstütze mit 500 mm Länge gewählt und die Sensen ungefähr auf eine Person mit 1,7 bis 1,8 m Körperhöhe eingestellt. Ebenso ist der Sensenstiel, außer bei der Stabsense, mit 1,90 m länger als notwendig.