Windrow Gardening

„wiesenbasierte Mulchlinienkultur“ nach Botan Anderson

Dort anbauen, wo das Mulchmaterial wächst.
Agrikultur vom (konvivialen) Werkzeug her denken.

Im Sommer 2021 kam mir beim Nachsinnieren nach einer sinnvollen Mähgutverwendung von artenreichen Wiesen ausgerechnet beim Anblick einer horizontal, durch Viehtriften und lockere Streuobstreihen, geprägten steilen Weide der Gedanke, dass es interessant sein könnte, einfach das Beet in die Wiese zu holen, dort das Schnittgut als Mulchmaterial zu nutzen und Transportwege zu minimieren. Sinnigerweise sollten es abwechselnd schmale, mehr oder weniger höhenlinienparallel verlaufende, Streifen aus Wiese und Beet im Keyline-Design sein, um den Wasserhaushalt positiv zu beeinflussen. Dabei dachte ich vom konvivialen Werkzeug Sense und seinen Möglichkeiten her. Die vage Idee verlor ich jedoch wieder aus den Augen, auch aus Mangel an Flächen.

Das änderte sich kürzlich (November 2022), als ich die Seiten von Botan Andersen aus Minnesota (USA) entdeckte: https://www.onescytherevolution.com/windrow-gardening.html

Andersen praktiziert bereits seit mehreren Jahren das sogenannte Windrow Gardening! – frei übersetzt „Schwadgärtnern“ oder „Schwadkultur“
Dabei nutzt er geschickterweise den im Mähprozess mit der Sense entstehenden Schwad und spricht im Weiteren sogar von „the scythe based farm“.


Direkter Anbau von Kartoffeln und Kürbis im Mulchmaterial der Mähschwaden: „Windrow-gardening“ nach Botan Andersen; Quelle: https://www.onescytherevolution.com/windrow-gardening.html (13.11.2022)

 

Großes Potenzial?

Die Idee, die (Gartenbau-)Kulturen dort zu platzieren, wo das benötigte Mulchmaterial wächst, klingt einfach und überzeugend. Mit der Sense, einer einfachen, erschwinglichen und effizienten Kulturtechnik, wird das Mulchmaterial auf Dauergrünland geschnitten und im gleichen Arbeitsgang in je einer Mähbahn beidseits als Schwad an die linienförmigen Kulturen gebracht. Das Mähgut im Schwad muss dann noch ein wenig „eingewuschelt“ und positioniert werden.

Transporte von Mulchmaterial werden überflüssig, eine gute Zugänglichkeit der Anbaureihen ist gegeben, denn sie sind durch die Grünlandstreifen erreichbar und haben eine geringe Tiefe. Die Vorzüge aus dem Anbau mit reduzierter Bodenbearbeitung und Mulchwirtschaft greifen:

  • Humusaufbau und CO2-Speicherung
  • Förderung des Bodenlebens inklusive verstärkter Durchmischung der oberen Bodenschichten und Horizonte, einer intensiven Durchlöcherung (Wasseraufnahmevermögen, s.u.)
  • geringe Bodenverdichtung durch die Nutzung von Handgeräten
  • Arbeitsersparnis: kein Pflügen/ Fräsen, wenig Beikrautdruck: wenig Hacken
  • Düngung über Mulch
  • Ausgleichende Eigenschaften der Mulchschicht im Wärmehaushalt und Schutz vor intensiver Sonnenstrahlung

Dabei können diese Vorteile des Mulchens im besonderen zum Tragen kommen, weil die Verfügbarkeit von Mulchmaterial hoch ist, was (nicht vorhandene) Transportwege und die notwendige Menge angehen – oft das Nadelöhr für eine erfolgreiche Umsetzung! Die Menge kann über die Mahdbreite und -häufigkeit gesteuert werden.

So kann die flächeninterne Anreicherung von Nährstoffen in den Mulchreihen auch ertragsschwache „Grenzertragsböden“ als Anbaustandort möglich machen. Die Fixierung des Mulchmaterialanbaus auf einen Schwad/ eine Mähbahn, wie es Botan Andersen beschreibt, ist theoretisch keine feste Grenze. Es könnte auch ein zweiter, darüber liegender Schwad (oder weitere) zur Kulturreihe gerecht werden, was keinen wesentlichen Mehraufwand bedeuten würde. Daher schlage ich ergänzend zu „Windrow Gardening/ Schwadgärtnern“ den allgemeiner fassenden (aber etwas sperrigen) Begriff „wiesenbasierte Mulchlinienkultur“ vor.

Auch wenn die Nährstoffversorgung, jedenfalls was die Hauptnährstoffe angeht, heute eher mehr als gut ist, ist sie doch in fossilfreien Zeiten ein limitierender Faktor auf den wir uns wieder einstellen sollten. Die Wertschätzung von Mist, auch von menschlichem, in früheren Zeiten verdeutlicht dies. Die Bedeutung von kreislaufschließenden, stoffstromorientierten Sanitärsystemen, die unsere menschlichen Ausscheidungen nicht mit viel Wasser ins Meer schicken, sondern eine Rückführung in den Nahrungsmittelanbau zulassen, wird groß sein. Ein Problem dabei ist, neben rechtlichen Hürden, Hygiene- und gesundheitliche Gefahren durch Krankheiten, Parasiten und Arzneimittelrückständen in menschlichen Ausscheidungen.

Die wiesenbasierte Mulchlinienkultur könnte auch hier mit einem Lösungsansatz aufwarten, der indirekten Düngung! Denn wird nicht direkt auf die Kulturpflanzen gedüngt, sondern über den Umweg des Mulches aus dem Grünland, ist eine Kontamination deutlich unwahrscheinlicher. Und das reiche Bodenleben kann ohne Zeitdruck problematische Verbindungen mit seinen myrriaden an Mikroorganismen knacken und abbauen.

Zudem schaffen die abwechselnden Streifen aus Wiese und gemulchten Kulturreihen, sofern sie quer zum Hang, also mehr oder weniger parallel zu den Höhenlinien liegen, positive Effekte für den Wasserhaushalt:

  • Wasserabfluss wird gesteuert und gebremst (Keyline-Design), die Versickerung gesteigert: Grasnarbe der Wiese, Durchlöcherung des Bodens durch Bioturbation auch im Bereich der Mulchstreifen
  • Erosionsschutz: auch Hangflächen werden interessant
  • geringere Verdunstung durch Mulchabdeckung

Diese Anbauform könnte in Erweiterung durch eingestreute Bäume (Obstbäume, Nussbäume Holzertragsbäume, etc.), Wildsträucher oder Habitatstrukturen wie Steinhäufen, Reisig- und Totholzhaufen, Blänken und Tümpeln, etc. attraktive Lebenräume in der Kulturlandschaft bieten, vor allem auch durch ihre Kleinräumigkeit und ihren Strukturreichtum, der nicht zuletzt aus der Nutzung konvivialer Kulturtechniken resultiert. Dabei spielt natürlich die Schnitthäufigkeit eine Rolle. Mehr als zwei oder drei Schnitte sollten nicht gemacht werden, wenn artenreichens Grünland anvisiert wird. Das bedeutet wiederum, dass der Mulchbedarf nicht über die Schnitthäufigkeit, sondern eher über die Grünlandstreifenbreite gesteuert werden sollte und der Zugang (Trittbelastung) nur über die Ränder erfolgen sollte, was ja auch mehrfach Sinn macht. Die Idee der wiesenbasierten Mulchlinienkultur könnte also eine Chance für den „echten“ Erhalt und die Schaffung von artenreichem Grünland sein, das ohne künstliche Landschaftspflege auskommt, weil es eine attraktive, sinnhafte Verwertung des Aufwuchses liefern könnte, auch auf mageren Grenzertragsstandorten!

  • attraktives Landnutzungskonzept, das  artenreiches Grünland schafft und erhält = „Schützen durch Nützen“
  • Landnutzungskonzept für naturschutzfachlich interessante magere Grenzertragsstandorte: keine „künstliche“ Landschaftspflege nötig
  • potenziel resiliente, selbstregulierende Agrarökosysteme dank Strukturreichtum und Kleinräumigkeit; Insbesondere bei Ausgestaltung mit weiteren Habitaten
  • Ästhetik und lebensfreundliche Fülle – auch für den Mensch

Diese mögliche, noch zu testende, Anbauform würde sich auch durch ihre Subsistenztauglichkeit und Niederschwelligkeit auszeichnen:

  • geringer Werkzeug- und Wissensbedarf: im Wesentlichen Handsense und Hacke (?)
  • fossilfrei & arbeitsarm; intelligente Nutzung von Handgeräten; insgesamt sparsamer Einsatz dank dem Wegfall des Mulchtransportes und des geringen Bodenbearbeitungs- und Jätbedarfs

 

 

Soviel zur Theorie. Bis hierhin ist es, für mich, nur ein „Hirnfurz“, der auf seine Überprüfung wartet und Fragen aufkommen lässt:

  • Mulchbedarf bzw. Verhältnis von Mulchreihe und Wiesenstreifen?
  • geeignete Kulturen für die Mulchwirtschaft (klassisch einjährige, aber auch Mehrjährige)
  • Schnecken lauern auf hunderten von Metern…
  • Wildverbissproblematik durch geringe Kulturpflanzendichte und entsprechend große Flächen, die relativ große Aufwände für ein Einzäunen bedeuten würden
  • rechtliche Hürden: Grünlandumbruchsverbot bei einer geplanten Etablierung in eine bestehende Wiese – auch wenn sie z.B. bisher häufig geschnitten und gemulcht wurde, entsprechend artenarm ist und die Perspektive einer Schnittgutverwendung und der damit einhergehenden partiellen Aushagerung in Kombination mit einer tragfähigen langfristigen Perspektive eine Verbesserung des ökologischen Zustandes bewirken könnte
  • Der Einfluss von Wiesensaatgut, das bei biodiversitätsfreundlichem Schnittzeitpunkt vermehrt anfällt, auf den Beikrautdruck

 

Pilotprojekt & Fläche gesucht!

  • 0,2-0,5 ha große Ackerfläche in der Region Freiburg (kein Grünland wegen Grünlandumbruchsverbot); vorzugsweise auf Grenzertragsstandort in unattraktiver Hanglage, nicht zuletzt auch wegen den Pachtkosten
  • Praxisforschungsprojekt mit der Erstellung von Open Source Infomaterial und der Verbreitung des Ansatzes im Falle, dass er sich bewährt…

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