Philosophie

“Jeder intelligente Tor kann Dinge größer, komplexer und gewalttätiger machen. Es braucht einen Hauch Genie – und jede Menge Mut, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.”

„Any intelligent fool can make things bigger, more complex, and more violent. It takes a touch of genius — and a lot of courage to move in the opposite direction.“
E.F. Schumacher: „Small is Beautiful“, 1973,  S. 22

 

 

Welche Technik wollen wir?

Diese Frage lohnt sich zu stellen. Und ja, wir dürfen sie stellen. Das mag banal klingen, aber als reine Konsument*in und ohne Verbindung zu den Entwicklungsorten unserer Alltagsgegenstände und -technik, kann das schnell vergessen werden.

Wir leben in einer sehr dankbaren Zeit für dieses Hinterfragen und Neudefinieren von fortschrittlicher Technik. Wir können uns für ein „gutes Leben“ aus dem, was an Neuem und Alten, an High- und Low-Tech da ist, bedienen und regenerative, zukunftsfähige Lösungen entwickeln. Technik für ein gutes Leben sollte, so finde ich, Subsistenzwirtschaft fördern und ganz allgemein Resilienz stärken und damit in ihrer sozialen, alltäglichen Praxis von der Entwicklung, der Herstellung, der Anwendung bis zur Entsorgung möglichst auch diese Ideale fördern:

  • Sinn stiften in der Herstellung, den tätigen, entwickelnden und produzierenden Menschen mitberücksichten bzw. als Maß nehmen, getreu dem Motto „sinnvoll tätig sein, statt sinnlos schuften“
    damit ist sowohl die Sinnhaftigkeit der Erzeugnisse als auch, dass die Tätigkeit den beteiligten Menschen kurz und langfristig gut tut, gemeint; da könnte z.B. mehr Abwechslung zwischen körperlich-handwerklichen und rein geistigen Tätigkeiten, Tiefe, Arbeitssicherheit und vor allem eine innere Motivation anhand von Bedürfnissen und Fähigkeiten, statt marktwirtschaftlicher Zwänge eine Rolle spielen
  • Selbstentfaltung UND Gemeinwohl fördern
  • gegenseitige Abhängigkeiten anerkennen und wertschätzen, abhängig sein ist ersteinmal nichts Negatives, ist doch alles mit allem verknüpft und verbunden
  • einseitige Abhängigkeiten vermeiden, herrschaftskritische, hierarchiefreie Peerproduktion
  • emanzipatorisch, ermächtigend wirken, Teilhabe fördernd
  • (echten) Bedürfnissen der Anwender*innen entsprechen
  • lokal anpassbar sein, Einbindung von Anwender*innen in Entwicklung und Co
  • regional produziert werden, kurze Transportwege
  • Open Source, Wissenshierarchien abbauen; überregionale, globale Zusammenarbeit durch Weitergabe von Wissen (vgl. den Begriff der „kosmo-lokalen Produktion“ von Helfrich und Bollier)
  • sparsam mit Energie und Ressourcen umgehen
  • umweltverträglich sein

Kurz gesagt, Technik sollte konvivial, also lebensfreundlich, lebensdienlich sein. Der Begriff Konvivialität geht auf Ivan Illich zurück, vgl. z.B. sein Buch „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ von 1975.

Wenn ich die obigen Ideale und Maßgaben an Technik auf praktisch-technischer Ebene versuche umzusetzen, also bei der Entwicklung, im Entwurf von Dingen und Maschinen berücksichtige, komme ich häufig auf diese Eigenschaften:

  • menschliches Maß in Bezug auf Größe, Komplexität und Kosten
  • funktional, minimalistisch: auf die Kernfunktion reduziert
  • robust und langlebig (Ausnahme: Recyclingmaterialien)
  • modular: nachbaubar, übersichtlicher, „offener“ Aufbau, selbstbaufördernd
  • fertigungsgerecht: z.B. Verwendung weniger, standardisierter Ausgangsmaterialien

Technik wird dadurch:

  • einfach aufgebaut in Bezug auf Kenntnisse, Werkzeuge, Materialien
  • dokumentierbar, z.B. für Open Source Baupläne
  • reparierbar, demontier- und recyclebar
  • umbau- und anpassbar, für veränderte Nutzungszwecke

All diese „praktischen Eigenschaften“ konvivaler Technik treffen oft auch auf Low-Tech zu. Also ist die Low-Tech-Dimension für konvivale Technologie, meiner Ansicht nach, sehr bedeutend. Leider spielt Low-Tech in unserer Zeit, ebenso wie Konvivialität, nur eine sehr untergeordnete Rolle, jedenfalls in meiner Lebenswelt. Dagegen drängt gefühlt alles in Richtung Hochtechnologie und Digitalisierung, die zweifellos vielfach sinnvoll sind, aber eben keinesfalls immer… Sie müssen wohbedacht eingesetzt werden damit sie nicht zu einer weiteren Belastung für unser Dasein, unsere Lebensgrundlagen werden.

Für die Anwendung von konvivialer Technik bzw. von Low-Tech ist das Verständnis der Wirkungsweise in einem höheren Maße notwendig, als bei verbreiteter „Sorglos-Komfort-Technik“ (z.B. selbstfahrendes Auto). Denn ein Weniger an technischer Funktion muss mit einem Mehr an menschlichen Eingriffen kompensiert werden. So können technische Objekte schlank gehalten und auf die Kernfunktion(en) reduziert werden. Dies ermöglicht meist eine hohe Reparierbarkeit und damit eine lange Lebensdauer der Produkte. Zudem ist die Cance hoch, dass durch das Funktionsverständnis der Nutzer*innen im Idealfall Falschanwendungen minimiert werden. Das Verstehen der Funktion und der Zusammenhänge ist, so denke ich, notwendige Bedingung für einen bewussten Umgang mit Technik. Nicht zuletzt schafft der besusste Umgang Bezug und ermöglicht Resonanz mit unserer Umwelt, anstatt bloßem Konsum.

Der schlanke, funktionale und einfache Aufbau hat eine weitere Bedeutung. Er kann höhere Aufwände, die durch Handarbeit, große Produktionstiefe, regionale Herstellung, und höhere Qualität der Ausgangsmaterialien und fertigen Produkte geschuldet sind, durch ein Weniger an Material&Komplexität insgesamt kompensieren.
Aber dieser Punkt darf in größerem Zusammenhang betrachtet werden. Denn es ist zu hoffen, dass das Thema Suffizienz eine größere Bedeutung bekommen wird, also insgesamt wieder weniger technologische Lösungen und Güter für unser Leben genutzt werden. Dann wäre es unter dem Strich trotzdem noch ein Gewinn, wenn die wenigen, ausgewählten Güter etwas mehr Rohstoffe und Energie bei der Herstellung verbrauchen würden, als die heutigen Konsumprodukte (ganz abgesehen vom oft geringeren Ressourcenverbrauch der konvivialen Technik in Unterhalt und ihrer meist viel längeren Lebensdauer). Das wäre dann ein umgekehrter, „negativer Rebound-Effekt“.
Und noch eine Ecke weiter Gedacht spielt hier das Thema „sinnvoll Tätig sein“ wieder herein. Denn wer erfüllender tätig ist, als Menschen in Bullshitjobs, der braucht vielleicht weniger kompensatorische, konsumlastige Hobbies. Das würde die stoffliche Bilanz dieser sinnbehafteten Art von Produktion weiter verbessern.