Philosophie

“Jeder intelligente Tor kann Dinge größer, komplexer und gewalttätiger machen. Es braucht einen Hauch Genie – und jede Menge Mut, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.”
E.F. Schumacher: „Small is Beautiful“, 1973

 

Welche Technik wollen wir?

Diese Frage lohnt sich zu stellen. Und ja, wir dürfen sie stellen. Das mag banal klingen, aber als reine Konsument*in und ohne Verbindung zu den Entwicklungsorten unserer Alltagsgegenstände und -technik, kann das schnell vergessen werden. Denn wir leben in einer sehr dankbaren Zeit für dieses Hinterfragen und Neu-Definieren von fortschrittlicher Technik. Wir können uns für ein „gutes Leben“ aus dem, was an Neuem und Altem, an High- und Low-Tech da ist, bedienen und regenerative, zukunftsfähige Lösungen entwickeln.

Technik für ein gutes Leben sollte in ihrer sozialen, alltäglichen Praxis von der Entwicklung, Herstellung, Anwendung bis zur Entsorgung möglichst diese Ideale berücksichtigen:

  • Sinn stiften in der Herstellung: den tätigen, entwickelnden und produzierenden Menschen mit seinen Bedürfnissen ernst nehmen, getreu dem Motto „sinnvoll tätig sein, statt sinnlos schuften“
  • Selbstentfaltung Und Gemeinwohl fördern
  • einseitige Abhängigkeiten vermeiden: herrschaftskritische, demokratische Selbstorganisation stärken und gegenseitige Abhängigkeiten anerkennen – ist doch alles mit allem verbunden
  • emanzipatorisch und ermächtigend wirkend: Teilhabe fördern
  • (echten) Bedürfnissen der Anwender*innen entsprechen
  • lokal anpassbar sein: Einbindung von Anwender*innen in die Entwicklung
  • regional produziert werden: kurze Transportwege
  • Open Source: Wissenshierarchien abbauen, überregionale bzw. globale Zusammenarbeit durch Weitergabe von Wissen –  „kosmo-lokale Produktion“ (Helfrich, Bollier 2019)
  • sparsam mit Energie und Ressourcen umgehen
  • umweltverträglich sein

Kurz gesagt, Technik sollte „konvivial“, also lebensfreundlich, lebensdienlich sein. Der Begriff Konvivialität geht auf Ivan Illich zurück, vgl. z.B. sein Buch „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ von 1975.

Werden die obigen Ideale und Maßgaben an Technik bei der Entwicklung und im Entwurf von Dingen und Maschinen berücksichtigt, sind diese praktisch-technischen Eigenschaften relevant:

  • menschliches Maß: in Bezug auf Größe, Komplexität und Kosten
  • funktional, minimalistisch: auf die Kernfunktion reduziert
  • robust und langlebig (Ausnahme Recyclingmaterialien)
  • modular: nachbaubar, übersichtlicher, „offener“ Aufbau, selbstbaufördernd
  • fertigungsgerecht: z.B. Verwendung weniger, standardisierter Ausgangsmaterialien

Technik wird dadurch einfach aufgebaut, was Kenntnisse, Werkzeuge und Materialien angeht. Sie wird dokumentierbar, z.B. für Open Source Baupläne, reparierbar, demontier- und recyclebar, umbau- und anpassbar, z.B. für veränderte Nutzungszwecke.

Diese „praktischen Eigenschaften“ konvivialer Technik treffen meist auch auf Low-Tech zu. Leider spielt Low-Tech in unserer Zeit, ebenso wie Konvivialität, nur eine sehr untergeordnete Rolle, jedenfalls in meiner Lebenswelt. Dagegen drängt – gefühlt – alles in Richtung Hochtechnologie und Digitalisierung, die zweifellos vielfach sinnvoll sind, aber eben keinesfalls immer. Sie müssen wohl bedacht eingesetzt werden damit sie nicht zu einer weiteren Belastung für unser Dasein und unsere Lebensgrundlagen werden.

Für die Anwendung von konvivialer Technik bzw. von Low-Tech ist das Verständnis der Wirkungsweise in einem höheren Maße notwendig, als bei verbreiteter „Sorglos-Komfort-Technik“ (z.B. selbstfahrende Autos). Denn ein Weniger an technischer Funktion muss mit einem Mehr an menschlichen Eingriffen kompensiert werden. So können technische Objekte schlank gehalten und auf die Kernfunktionen reduziert werden. Dies ermöglicht meist eine hohe Reparierbarkeit und damit eine lange Lebensdauer der Produkte. Zudem ist die Chance hoch, dass durch das Funktionsverständnis der Nutzer*innen Falschanwendungen minimiert werden. Das Verstehen der Funktion und der Zusammenhänge ist, so denke ich, notwendige Bedingung für einen bewussten Umgang mit Technik. Nicht zuletzt schafft der bewusste Umgang Bezug und ermöglicht Resonanz mit unserer Umwelt, anstatt bloßem Konsum.

Der schlanke, funktionale und einfache Aufbau hat eine weitere Bedeutung. Er kann höhere Aufwände, die durch Handarbeit, große Produktionstiefe, regionale Herstellung, und höhere Qualität der Ausgangsmaterialien und fertigen Produkte geschuldet sind, durch ein Weniger an Material&Komplexität kompensieren.
Dieser Aspekt darf in größerem Zusammenhang betrachtet werden. Denn es ist zu hoffen, dass das Thema Suffizienz eine größere Bedeutung bekommen wird, also auch quantitativ weniger technologische Lösungen und Güter für unser Leben genutzt werden. Dann wäre es unter dem Strich auch noch ein Gewinn, wenn die wenigen, ausgewählten Güter etwas mehr Rohstoffe und Energie bei der Herstellung verbrauchen würden, als die heutigen Konsumprodukte. Der meist viel geringere Ressourcenverbrauch von konvivialer Technik im Unterhalt und ihre meist viel längere Lebensdauer kommen noch dazu. Das wäre dann der umgekehrte, „negative Rebound-Effekt“.
Und noch eine Ecke weiter gedacht, spielt das Thema „sinnvoll Tätig sein“ hier hinein: Wer erfüllender tätig ist, als Menschen in „Bullshitjobs“, der braucht vielleicht auch weniger kompensatorische, konsumlastige Hobbies. Das würde die stoffliche Bilanz dieser sinnbehafteten Art von Produktion weiter verbessern.

 

Für eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten
Sinnvoll tätigsein, statt sinnlos schuften
beitragen statt tauschen